Samstag, 29. April 2017
Christen in der Türkei

 

Christen in der Türkei

Dokumentation 28. Okt. 1999
Konrad Adenauer-Stiftung Berlin
Pfarrer Gerhard Dunker

Ne mutlu türküm diyene. (Glücklich ist der, der von sich sagen kann, ich bin ein Türke). Dieser Satz Mustafa Kemal Atatürks prangt an vielen öffentlichen Gebäuden in der Türkei. Was Atatürk eher pathetisch ausdrückte, findet seinen praktischen Niederschlag in Artikel 3 und Artikel 5 der türkischen Verfassung. Hier ist von einer unteilbaren Einheit von Land und Nation die Rede. Den Begriff der Minderheit kennt die Verfassung nicht. Damit hat sich für weite Teile der türkischen Öffentlichkeit auch das Problem erledigt: Was es in der Verfassung nicht gibt, kann es in der Wirklichkeit auch nicht geben. In der Tat sind die christlichen Kirchen in der Türkei inzwischen eine so kleine Minderheit geworden, dass man sie leicht übersehen kann. Lebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf dem Gebiet der heutigen Türkei noch über 20 % Christen, sind es heute nur noch 0,1 %. Der Anteil der christlichen Bevölkerung in Istanbul ist seit 1914 von 46 auf augenblicklich etwa 1 % gesunken. Das heisst, alle christlichen Kirchen Istanbuls zusammen stellen noch einen Bevölkerungsanteil von gut 100 000 Menschen.

Auch wenn die Verfassung keine Minderheit kennt, ist die Rolle der nicht-moslemischen Minderheiten völkerrechtlich geregelt. Grundlage für den Schutz der nicht-moslemischen Minderheiten ist nämlich der Vertrag von Lausanne vom 24.07.1923. Als nicht-moslemische Minderheiten werden dabei jedoch nach der herkömmlichen staatlichen Interpretation nur die Griechen, Armenier und Juden rechtlich anerkannt. Andere religiöse Minderheiten, etwa die aramäischen Christen oder die ausländischen Gemeinden, besitzen diesen rechtlichen Status nicht. In Artikel 40 des Lausanner Vertrages heisst es: "Türkische Staatsangehörige, die nicht-moslemischen Minderheiten angehören, genießen rechtlich und tatsächlich die gleiche Behandlung und Sicherheit wie andere türkische Staatsbürger. Insbesondere haben sie das gleiche Recht, auf eigene Kosten karitative, religiöse und soziale Einrichtungen, Schulen und andere Bildungs- und Ausbildungsstätten zu errichten, zu betreiben und Aufsicht darüber zu führen, einschließlich des Rechts, sich in diesen Einrichtungen uneingeschränkt ihrer eigenen Sprache zu bedienen und ihre Religion auszuüben." Über Jahrzehnte ist der Vertrag von Lausanne eingehalten worden, obwohl bereits seit 1923 keine neuen Kirchengebäude in der Türkei errichtet worden konnten. Eine erste Erosion setzte 1936 mit einer Verordnung ein, die den Religionsgemeinschaften zwar erlaubte, vorhandenes Vermögen in Form privat-rechtlicher Stiftung zu verwalten, es ihnen aber untersagt neues Vermögen zu erwerben. Diese Verordnung, die vor allem das Ziel verfolgte, die islamischen Stiftungen zu treffen, verkehrte sich jedoch bald in ihr Gegenteil.



Seine Heiligkeit S. H. Ignatius Zakka I Iwas von Antiochien (heute die türkische Stadt Antakya)

In den ersten Jahren nach 1936 erwarben Stiftungen, moslemische wie nicht-moslemische, zwar weiterhin Vermögen. Im Jahre 1972 eröffnete die Generaldirektion für Stiftungen, der die Stiftungen aller Religionsgemeinschaften unterstehen, jedoch erstmals ein Verfahren auf der Grundlage dieser Verordnung gegen eine Kirche. Besonders betroffen waren in diesen Jahren Immobilien armenischer Stiftungen. Mehr als zwei Dutzend von ihnen sind faktisch enteignet worden. Das letzte Objekt war ein Geschäftshaus in der Fußgängerzone Istiklal Caddesi. Es war von einem armenischen Christen einer armenischen Stiftung vermacht worden. Genauso enteignet wurde 1998 ein 50 000 Quadratmeter großes Grundstück einer katholischen Gemeinde am Bosporus. Ebenfalls enteignet wurde die Grundschule des katholisch-armenischen Ordners der Mechitaristen. Der Grundbucheintrag wurde gelöscht, die Stiftung erhielt jedoch von dem neuen Eigentümer, der Firma Miltas, den Kaufpreis von 710 000 TL zurück (zur Zeit des Kaufs ca. 500 000 EUR, zur Zeit der Rückgabe 1,75 EUR).

In der Grundstücksfrage zeigt sich die große Unsicherheit, in der die christlichen Minderheiten leben. Diese Unsicherheit setzt sich fort bis in das Leben jedes einzelnen Christen. Die Devise für viele lautet daher: Besser nicht auffallen. Dies gelingt meistens, allerdings dann zum Beispiel nicht, wenn ein Christ seinen Personalausweis zeigen muss. Dort lässt schon die Ziffernfolge 31 in der Ausweisnummer erkennen, dass es sich um einen Christen handelt. Allerdings ist in der Regel die Konfession im Ausweis automatisch vermerkt. Erwähnt werden muss in diesem noch der Umstand, dass die Existenz einer speziellen Abteilung für die christlichen Minderheiten innerhalb der Emniyet (Sicherheit) - Behörde die christlichen Staatsbürger der Türkei zusätzlich verunsichert.

Zur Situation der syrisch-orthodoxen Kirche

Innerhalb der christlichen Minderheiten ist die Situation für die aramäischen Christen am schwierigsten. In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts leben ca. 2 000 000 aramäische Christen fast ausschließlich im Südosten der Türkei, im Gebiet um Mardin und Midyat, nahe der syrischen und irakischen Grenze. Heute sind sie von dort bis auf einen Rest ca. 2 300 Menschen entweder aus wirtschaftlichen Gründen weggezogen oder durch den Krieg der Türkei mit der PKK vertrieben worden. Viele ihrer Dörfer wurden zerstört. In Istanbul leben zur Zeit etwa 10 000 aramäische Christen, in Deutschland sind es bereits 90 000. Anders als die anderen Minderheiten ist es der syrisch-orthodoxen Kirche nicht möglich, sich auf Artikel 40 der Verträge von Lausanne zu berufen. Sie kann daher zum Beispiel nicht eigene Schulen betreiben. Sie kann auch nicht, was nahe läge, eine der vielen leer stehenden griechischen Schulen übernehmen. Diese Schulen würden dann nicht mehr ihren Stiftungszweck (Schule für Griechen) erfüllen und würden an den Staat fallen. Diese Situation ist für die Aramäer deshalb besonders dramatisch, da sie nur noch unter sehr erschwerten Bedingungen in der Lage ist, ihren Kindern ihre aramäische Muttersprache zu vermitteln.

Noch bedrohlicher ist die Lage im Südosten der Türkei, im Tur Abdin -Berg der Knechte Gottes- wie er von den aramäischen Christen genannt wird. Am 06. Oktober 1997 verbot der Gouverneur von Mardin den Klöstern Zafaran und Mar Gabriel, in Zukunft Gäste aus dem Ausland aufzunehmen und Religionsunterricht und muttersprachlichen Unterricht zu erteilen. Die Kenntnis der aramäischen Sprache ist Voraussetzung für die gottesdienstliche Feier der Liturgie. Das Verbot, diese Sprache an die nachwachsende Generation weiterzugeben, ist ein Todesurteil für eine religiöse und ethnische Minderheit. Der Schock unter den aramäischen Christen im Tur Abdin war dementsprechend groß. Nach vielen Gesprächen des Klosters Mor Gabriel, das im letzten Jahr sein 1600-Jähriges Bestehen feierte, wurde vom Gouverneur das Verbot, ausländische Gäste aufzunehmen, am 7. April 1998 wieder aufgehoben, das Verbot, die Kinder zu unterrichten, bleibt weiterhin be stehen.

Zusammenfassung
Das Verhältnis zwischen den christlichen Kirchen und dem türkischen Staat ist spannungsreich und vielen Belastungen ausgesetzt. Die Türkei täte gut daran, sich von ihrem Trauma zu lösen, vor allem Griechen und Armenier seien die Speerspitzen feindlicher (christlicher) Mächte. Allein die geringe Zahl der im Land verbliebenen Christen führt diesen Gedanken ad absurdum. Vertrauensbildende Maßnahmen seitens des Staates sind nötig, etwa die Erteilung von Baugenehmigungen für Kirchen und Gemeindehäuser, die Rücknahme des Unterrichtverbot für die Aramäer und die Möglichkeit für christliche Kinder an staatlichen Schulen während des für Moslems verbindlichen Religionsunterricht die Schulklasse verlassen zu können. Ein Zeichen des guten Willens wäre auch die Umbenennung der Straße vor dem griechischen Patriarchat. Diese Strasse trägt den Namen von Sadrazam (Großwesir) Ali Pascha. Letzterer war verantwortlich für die Ermordung des griechischen Patriarchen Gregorios V. Er wurde am 22. April 1822 nach dem Ostergottesdienst wegen angeblichen Hochverrats gehängt. Zur Erinnerung an den ermordeten Patriarchen ist bis auf den heutigen Tag das große Eingangstor zum Patriarchat geschlossen. Es sollte wieder geöffnet werden. Der Schlüssel dazu liegt aber nicht in der Schublade des jetzigen ökumenischen Patriarchen.

Die heutige Situation der aramäischen Christen in der Türkei
In den 60er Jahren betrug die christliche Bevölkerung in den 55 Städten und Dörfern über 60.000. Die Auswanderung entvölkerte viele Dörfer, so dass sie 1989 nur mehr 15.000 und 1992 nur noch 7000 betrug. Mitte 1997 verblieben im Tur Abdin etwa 2500 Aramäer, verteilt auf 19 Dörfer und die Städte Midyat, Idil, Nusaybin, Mardin, Diyarbakir, Ömerli und Savur. Die Folgen der Abwanderung sind verheerend: 30 Dörfer sind leer, zehn Klöster und mehr als 100 Kirchen in den Pfarreien sind unbenutzt. Dennoch gibt es mehr als 70 Kirchen und sechs Klöster, die betreut werden; in einem Viertel der Dorfkirchen wird das tägliche Gebet gehalten. 10 Priester und 6 Diakone verrichten in den Kirchen des Tur Abdin ihren Dienst. Unter der Leitung von Erzbischof Timotheos S. Aktas leben elf Mönche und 20 Schwestern in den Klöstern. 15 Lehrer, jene von Mor Gabriel eingeschlossen, unterrichten Kinder und Jugendliche in aramäischer Sprache und Religion. Mor Gabriel ist sowohl das Zentrum der Erzdiözese Tur Abdin als auch ein wichtiges Zentrum für die Syrisch-Orthodoxe Kirche auf der ganzen Welt. Das Kloster und die Erzdiözese tun das Mögliche, um die Präsenz der Christen in dem Gebiet aufrecht zu erhalten. Durch sein Seminar hat es eine führende Rolle bei der Heranbildung des Klerus und der Religionslehrer. Viele seiner Absolventen arbeiten jetzt als Bischöfe, Priestür, Mönche und Religionslehrer, sowohl in der Heimat als auch in anderen Ländern.

Das Kloster Mor Gabriel möchte seine bisherigen Beziehungen zu den Schwesterkirchen aufrecht erhalten und neue hinzu gewinnen. Kleriker und Laien anderer christlicher Gemeinschaften kommen in das Kloster, um ihre Ausbildung zu vervollkommen. Ebenso versorgt es viele Forscher mit Informationen über das Gebiet.